Sonnenaufgang auf dem Ngauruhoe-Gipfel

Kapitel 1: Aus dem Dunkel der Zeit in das Licht des Jetzt

Vollmond über der Mangatepopo-Hütte am Ngauruhoe, Tongariro Nationalpark Neuseeland

Um drei Uhr morgens beendet der Wecker die kurze Nacht. Durch das Fenster meines Quartiers in der Mangatepopo-Berghütte flutet helles Mondlicht, doch draussen scheinen die dunklen Gesteinsmassen des Tongariro-Massivs das sanfte Licht aufzusaugen. Durch die Adern meiner noch schläfrigen Glieder pocht sofort freudige Erregung, denn die Bedingungen scheinen optimal, um mein lang ersehntes Vorhaben zu starten: der nächtlichen Aufstieg auf den 2291m hohen Vulkan Ngauruhoe, um von dessen Gipfel den Sonnenaufgang über dem Tongariro-Nationalpark und der neuseeländischen Nordinsel zu erleben.

Die Wanderer in der Hütte schlafen noch alle, so daß in der friedlichen Stille des eiskalten Herbstmorgens alles Leben eingefroren erscheint. Doch diese oberflächliche Betrachtung trügt, denn der Boden auf dem ich stehe, ist äußerst aktiv. 150 Km tief im Erdinnern, wo sich die indisch-australische Platte auf die pazifische schiebt, ist der Ursprung für jene eruptiven Kräfte, die  mit feuriger Macht und Zerstörungskraft die Landschaft im Zentrum der neuseeländischen Nordinsel einer fortwährenden Gestaltung unterziehen.

Farbige Erdschichten zeugen von vielen Vulkanausbrüchen, im Tongariro Nationalpark, Neuseeland„Hier mag man das Herz offengelegt sehen, den Vorgang des Schaffens und Herausformens des Landes durch Feuer, Eis und Wasser. Mutter Erde enthüllt ihre innerlichsten Geheimnisse hier; sie pulsiert mit niemals nachlassender, manchmal sogar gewalttätigender Energie“ beschreibt der Historiker James Cowan in einem seiner Reiseberichte die Eindrücke beim Anblick einer Landschaft, die von Zyklen apokalyptischer Ausbrüche gewaltiger Mengen an glühender Lava und heissen Gasen sowie Aschen- und Gesteinsniederschlag gezeichnet ist. Aber der Abschnitt vulkanischer Aktivitäten ist, gemessen in Zeiträumen natürlicher Vorgänge, relativ kurz und übersteigt trotzdem menschliche Dimensionen. 200 Millionen Jahre alte Meeressedimentgesteine wie z.B. Grauwacke, aus denen auch das Nachbargebirge der Kaimanawas besteht, bilden die Grundlage des Zentralplateaus. Vor ungefähr zwei Millionen Jahren begann der Schichtaufbau der Tongariro- und Ruapehu-Massive aus Lavaflüssen und Ascheablagerungen durch mehrere Vulkanschlote. Immer wieder kam es zu eruptiven Phasen unterschiedlicher Stärke. Aufgeschüttete Kegel explodierten und hinterliessen tiefe Krater. Lava, geschmolzenes Eis und Schlamm wälzten über Jahrtausende Gestein die Hänge hinab. Auch durch die Eiszeiten hindurch war die Aufschüttung durch die Erosion nicht zu stoppen, doch einige U-förmige Täler haben die nagenden Kräfte des Eises hinterlassen. So ragen heute gewaltige Berge über windgeplagte Tussock-Graslandschaften. Mit 2797m ist der Ruapehu-Vulkan der höchst Berg der Nordinsel. In dessen Nachbarschaft besticht Ngauruhoe durch die perfekte Symmetrie eines Strato-Vulkankegels. Eigentlich ist dieser ein Teil des Tongariro-massivs und wuchs erst in den letzten 2500 Jahren zu seiner beeindruckenden Kegelform. Daneben schliesst sich eine bizarre und zerklüftete Kraterwelt an, wo so manches Kleinod zu entdecken ist: z.B. der aktive Rote Krater, der Blaue See oder die Mondlandschaft des Oturere-Tals. Im Norden schliessen dichte Wälder den Rotaira-See ein; welch wohltuender Kontrast zu den wüstenhaften Ebenen im Osten der Berge. Auch haben noch zwei der mächtigsten Flüsse Neuseelands, der Whanganui und Waikato, ihren Ursprung am Tongariro.

Sonnenaufgang auf dem Gipfel des Vulkan Ngauruhoe, Tongariro Nationalpark, NeuseelandAuf steilen Geröllhängen nähere ich mich schweren Schrittes dem weiten Kraterrund, 400m im Durchmesser. Das lockere Gestein gibt bei jedem Schritt nach. Was beim Abstieg für Freudensprünge sorgt, muß beim Aufstieg zuvor  teuer bezahlt werden. An der Ostseite des Kraterrands steigen schweflige Dämpfe auf; Zeichen der Aktivität. Ngauruhoe gehört zu den aktivsten Vulkanen der Welt. Ausbrüche erfolgten immer wieder in Abständen von zwei bis sieben Jahren, doch seit 1975 ist er ruhig. Lavaflüsse aus den unterschiedlichen Eruptionen wären bei Tag im Mangatepopo-Tal   gut sichtbar zu unterscheiden, doch in der einsetzenden Dämmerung  zeichnen sich gerade erst langsam die Konturen der Nordinsel ab: die Kaimanawa-Berge im Osten, der Taupo-See und Mt. Tarawera im Norden, sowie im Westen der Brudervulkan Taranaki an der tasmanischen See. Direkt unterhalb meiner Route liegt die Kraterwelt des Tongariro, wo die beliebteste, weil spektakulärste Tageswanderung Neuseelands   vorbei an heissen Quellen und schwefligen Dämpfen, giftgrünen Seen und leuchtendem Farbenspiel mineralischer Gesteine, dichten Wäldern und rauschenden Wasserfällen verläuft.

Sonnenaufgang am Ruapehu vom Gipfel des Vulkan Ngauruhoe, Tongariro Nationalpark, NeuseelandSchliesslich erreiche ich den Gipfel. Nach zweieinhalb Stunden schien das letzte steile Stück nicht enden zu wollen, doch plötzlich taucht das gewaltige Ruapehu-Massiv im Süden vor mir auf. Unterhalb der Gipfel erinnern kleine Gletscher an die letzte Eiszeit; die Natur konnte den aufstrebenden Kräften kaum kontrastreicher entgegenwirken.Neben Lava floss also auch Eis und schliff den Fels, was in zahlreichen Trogtälern heute noch zu sehen ist. Aus dem Berg steigt eine kleine Dampfwolke auf, niedlich und harmlos im Gegensatz zu den Bildern der Jahre 95/96, als eine unerwartete Eruption den Skifahrern an den frischverschneiten Hängen einen gewaltigen Schrecken einjagte. Die bis zu zehn Kilometern aufragende Aschewolke sah zwar spektakulär aus, doch wurden keine weitreichenden Schäden angerichtet. Der Ausbruch war nur ein Hüsteln im Vergleich zu jener Katastrophe, die vor ungefähr 800 Jahren grosse Teile der Nordinsel verwüstete und deren Auswirkungen von Geschichtsschreibern in aller Welt notiert wurden. Durch Asche in den höheren Schichten der Atmosphäre verfärbten sich der Morgen- und Abendhimmel in effektvollem Farbenspiel, das der chinesische Geschichtsschreiber Hou Han Shui mit folgenden Worten beschreibt: …mehrere Male ging die Sonne im Osten blutrot und verdunkelt auf…  Selbst europäische Geschichtsschreiber wie z.B.Herodot bemerkten die ungewöhnlichen Phänomene. Damals entlud sich die höllische Macht angestauter Gase in einer gewaltigen Explosion. Als die Erde aufriss, schossen Gase, flüssiges Magma, Asche, Bims- und Basaltbrocken in den Himmel; Feuerstürme fegten über das Land; im Umkreis von 80 Kilometer wurde jegliches Leben zerstört. Der Taupo-See markiert heute die Grösse der am Ende eingestürzten Magmakammer. Im Park erinnen dicke Bimssteinschichten und verkohlte Baumstämme der damaligen Waldgebiete an das Ereignis. Doch aus Verderben und Tod entstand neues Leben. Bald schon hatten Bakterien und Flechten die Lebensgrundlage für eine weitere Besiedelung durch Pflanzen und Tiere gelegt. So läuft der Kreislauf von Leben und Vergehen. Dem Mensch wird hierbei seine kleine Grösse und Machtlosigkeit bewusst, gleichzeitig erwirbt er hier grossen Respekt vor dem Land, auf dem er steht.

Sonnenaufgang über der Nordinsel un dem Gipfel des Ngauruohe, Tongariro Nationalpark, Neuseeland

Endlich erreichen die ersten Sonnenstrahlen den Gipfel. Ein unvergesslicher Augenblick! Die Farben explodieren auf den Hängen des Ruapehu, dessen Gipfel nun eine goldene Krone trägt. Guten Morgen Tongariro! Mit der aufgehenden Sonne durchströmt mich die herbeigesehnte  Wärme des Tages. Ich fühle mich großartig! Die Anstrengungen des Aufstiegs und der beeindruckende Ausblick von meiner hohen Warte bestärken mich einmal mehr in meiner Liebe zu dem Land und seinen Menschen. Ehrfurcht und Faszination erfüllen mich beim Anblick dieser lebensfeindlichen Wildnis, ich spüre die wahre Dimension meiner winzigen Bewußtseinswelt angesichts der riesigen Dimensionen von Energie und Zeit. Die Landschaft ist nicht nur jene sinnlich erfahrbere Wirklichkeit, welche ihr Aussehen und Stofflichkeit vermittelt, sondern ebenso das, was der Betrachter in seiner Vorstellung daraus entwickelt. So existiert neben der modernen wissenschaftlichen Betrachtungsweise noch eine spirituelle Tradition der hier lebenden Maoris.

Das heisse Herz Neuseelands –  mehr über den Tongariro Nationalpark:

Kapitel 1: Sonnenaufgang auf dem Ngauruhoe-Gipfel

Kapitel 2: Maoris und ihre Mythen

Kapitel 3: Spektakulärer Tongariro: das Crossing und der Northern Circuit

Kapitel 4: Oturere und Waihohonu – Ödnis und Lebensfülle

Kapitel 5: Ruapehu – Der schlafende Riese oder der Wolf im Schafspelz

Kapitel 6: Schneetanz auf dem Vulkan

Kapitel 7: Nützliche Hinweise und Maori-Ortsbezeichnungen

Alle Bilder in der Tongariro Nationalpark Galerie

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  1. […] Berg, jeder Tag ist anders, dadurch ist es immer wieder ein unvergleichliches und neues Erlebnis, z.B. bei einem Aufstieg auf einen neuseeländischen Vulkan, auf dem winterlichen Mt.Angelus, am Württemberger Haus in den Lechtaler Alpen oder zum Piz […]

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  3. […] Sonnenaufgang auf dem Gipfel des Vulkans Ngauruhoe (2291m) zu erleben, ist ein atemberaubendes Naturschauspiel und bietet eine grandiose Aussicht auf […]

  4. […] Hütte vorbei, jedoch ohne zu verweilen. Die Mehrzahl der Besucher bereitet sich hier für einen morgendlichen Aufstieg auf den Vulkan Ngauruhoe vor oder hat die naheliegenden Kletterwände des Pukikaikiore zum Ziel. In der Hütte erlebte ich […]

  5. […] frühen Aufbruch bei Vollmond von der Mangateopo-Hütte nähere ich mich auf den steilen, lockeren und daher nachgebenden  Geröllhängen – zwei Schritt […]

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