Oturere und Waihohonu

Kapitel 4: Ödnis und Lebensfülle

Im Oturere Tal, Tongariro Nationalpark, Nordinsel Neuseeland

Der neue Tag führt mich zuerst auf der Route des Tongariro-Crossing zurück auf die Kraterhochfläche. Das grandiose Naturtheater zeigt heute ein Stück von Shakespearschem Format auf der Bühne der grossen Gefühle. Nachdem der Berg am letzten Tag so freigiebig und stolz seine Schätze zur Schau stellte, hüllt er sich heute in dichte Wolken. Alles erscheint farblos und grau, und an solchen Tagen legt sich ein depressiver Schleier auf mein Gemüt. Die weite Ödnis, verhüllt in Nebelschwaden, erweckt in mir das verzweifelte Gefühl der Einsamkeit und einer Verlorenheit. Seines Sinnes beraubt steht das Hinweisschild für den Blauen See am Wegesrand, von grenzenlosem Grau umgeben. Gedanken und Realität verschmelzen. Die zerklüfteten Felsbrocken im Oturere-Tal verwandeln sich plötzlich in fratzenhafte Geisterwesen, die mich vom rechten Weg abbringen wollen. Doch die Konturen der Landschaft sind so zur Unkenntlichkeit verwischt, dass sich darin nur meine eigenes Bewusstsein wiederspiegelt – Selbsterfahrung – ebenso wie der eigene Herzschlag inmitten der Stille. So wie die Natur sich einer ständigen Verwandlung unterzieht, so spüre ich deren Einfluss und als Reaktion eine tiefe Auseinandersetzungin mit meiner eigenen Person, so dass auch ich mich einer Veränderung nicht entziehen kann.

Oturere Hut, Tongariro Nationalpark, Nordinsel NeuseelandJede Hütte im Park hat seine individuellen Liebenswürdigkeiten und Geschichten, so auch die Oturere-Hütte inmitten einer Wüstenlandschaft voller Gesteinstrümmer und Ascheresten, mit einem Wasserfall als Dusche in der Nähe und bei klarem Wetter mit dem morgendlichen Glühen des Ngauruhoe im Sonnenaufgang. Berühmtheit unter Besuchern erlangt sie jedoch auch wegen der Anzahl und monströsen Ausmaße der schwarzen Blowflies, die in Schwärmen um Hütte und Toilettenhäuschen kreisen. Dabei sind die fetten Brummer doch völlig harmlos! Eine Bedrohung für sich und andere war jedoch jener Hongkong-Chinese, der mit weissen Slippers (sic!), einem Strassenanzug und einem Regenschirm als Wetterschutz(!!) im Park unterwegs war. Da er jeweils erst gegen Mittag startete, war es nicht verwunderlich, dass ihn die Dunkelheit im Oturere-Tal überraschte und er den Weg verlor. Als nächstes legte er seinen Rucksack mit Essen und Schlafsack ab und versuchte weiter, die Lichter der Hütte zu orten. Es kam wie es musste, er fand auch seinen Rucksack nicht mehr, irrte in der Folge stundenlang zwischen den Felsbrocken umher und erreichte schliesslich gegen ein Uhr morgens die Hütte, wo ihn der überraschte Hüttenwart mit warmen Decken und Lebensmitteln für die Nacht versorgte. Am folgenden Morgen dauerte es zwei Stunden, bis der Rucksack gefunden wurde. Ins Hüttenbuch schrieb dieser sorglose Mr.Poppins übrigens unter der Rubrik Hauptaktivitäten: Singen während des Wanderns! An der einzigsten Kreuzung von vier Wegen südostlich des Ngauruhoe, nahe der neuen Waihohonu-Hütte, muss er später den richtigen und schnellsten Weg aus dem Park gefunden haben, denn er wurde bald darauf in Nationalparks der Südinsel gesichtet.

Old Waihohonu Hut, Tongariro Nationalpark, Nordinsel NeuseelandJene Stelle befindet sich übrigens auf einer der ersten touristischen Wege in dieser Region. Um die Jahrhundertwende führte eine Kutschverbindung von der Dampfschiffstation Pipiriki am Whanganui-Fluss zur Schiffsanlegestelle in Tokaanu am Taupo-See und brachte so die ersten Touristen in die entlegene Wildnis. 1901 wurde hier eine Hütte als Übernachtungsmöglichkeit errichtet. Erst in den darauffolgenden Jahrzehnten wurde mit dem Bau von einfachen Strassen, der Eisenbahn und weiteren Hütten eine Infrastruktur für Besucher geschaffen; der Schwerpunkt verlegte sich bald auf die Westseite des Parks. Bereits 1913 kamen die ersten Skifahrer in den Park und legten den Grundstein für die Entwicklung des Wintersports rund um den Ruapehu. Inzwischen befindet sich oberhalb Whakapapa das grösste Skigebiet Neuseelands. Die Strapazen der Anreise für Erholungssuchende und Wintersportler sind heute geringer, der herbe Reiz der Umgebung hat sich seither glücklicherweise nicht verändert.

Im Inneren der Old Waihohonu Hut, Tongariro Nationalpark, Nordinsel NeuseelandAm Rand der grasbewachsenen Wüstenebene, wo die knallrote alte Waihohonu-Hütte heute noch als historische Stätte die Anfänge des Tourismus zeigt und jedem Romantiker die Mühen und sprichwörtlich harte Realität der damaligen Reisen vermittelt, bedecken Buchenwälder einige naheliegende Hänge; dort gibt es eine reichhaltigere Vegetation mit Farnen und Moosen. Stattliche Bäche mäandern durch tiefeingeschnittene Täler. Viele Vögel zeigen sich hier, allen voran die neugierigen Fantails und Robins.

Um einen tiefen Frieden zu erleben, wandere ich von der Waihohonu-Hütte zu den Ohinepango-Quellen hinüber. Der Pfad windet sich über erodierte Gesteinsschichten und durch lichten Wald, ehe eine Brücke über das klare Wasser des Quellbeckens führt. Aus einer Gesteinschicht brechen gurgelnd riesige Mengen reinsten Wassers hervor, kühl und von der Transparenz eines Juwels. Gesäumt von dichtem Grün der Bäume, aus denen fröhliche Weisen der Vögel erklingen, verströmt dieser Ort eine zeitlose Harmonie.

Da fällt ein Schuss und zerreisst jäh die magische Ruhe. Erschreckend im ersten Moment, aber nicht ungewöhnlich, denn die Wälder sind beliebtes Jagdgebiet. Die Jagd ist in den Nationalparks erlaubt und sogar erwünscht, denn eingeführte Wildsorten und andere Arten wie Wiesel und vor allem das Opossum sorgen für ein Ungleichgewicht in den endemischen Biosphären und führen zur Vernichtung einheimischer Arten. Von diesem Standpunkt aus betrachtet klingt der Spruch „gute Naturschutzarbeit in Neuseeland bedeutet das Töten von Tieren“ aus dem Mund eines Mitarbeiters des Department of Conservation keinesfalls widersprüchlich und brutal, sondern drückt nur die Notwendigkeit auf, eigene Fehler der Vergangenheit zu korrigieren.

Ranger im Hüttenwart-Quartier der Ketetahi-Hütte, Tongariro Nationalpark, Nordinsel NeuseelandBei meiner Rückkehr zur Hütte treffe ich auf eine junge Frau und komme über ein Glas Cider ins Gespräch. Sie heißt Megan, ist Neuseeländerin und hat über die Sommersaison ihren Arbeitsplatz im Park, als Hüttenwart der Naturschutzbehörde Department of Conservation. Sie ist, wie viele Neuseeländer, ein Outdoor-Freak und zudem sehr von der Ausstrahlung des Parks fasziniert. Sie reizt der Umgang mit den Menschen, die Naturschutzarbeit und die Möglichkeit, tief in die Kultur der Maori einzudringen. Ihre unbefangene und aufgeschlossene  Art schafft fruchtbare Kontakte mit Besuchern in einem gegenseitigen Erfahrungsaustausch, auch auf menschlicher Ebene. Sie ist ein witziger Ansprechpartner für Fragen zum Park und fordert mich durch bewusst kontroverse Antworten zu kritischem Denken über das richtige Verhalten gegenüber der Natur und der Maori-Kultur heraus. Für sie ist diese Arbeit eine Auseinandersetzung mit sich selbst, eine Auszeit zur Neuorientierung und dem Vergleich von Werten.Das Leben im Park reduziert sich auf grundlegende Dinge und  öffnet Freiräume für einen Blick auf das Wesentliche. Ein erfrischendes Bad im kühlen Fluss, ein Stück Obst oder frisches Gemüse werden zu besonderen Freuden.

Ranger Jimmy, Tongariro Nationalpark, Nordinsel NeuseelandMegan ist eine von vielen Menschen, die sich in vorderster Front oder unscheinbar hinter den Kulissen mit grossem Elan und Idealismus, fern aller romantischen Vorstellungen, der Sache Nationalpark annehmen. Zu uns stösst noch ihr Kollege Paul, dessen Begeisterung für die grossen und kleinen Zusammenhänge des Lebens eine positive Atmosphäre verbreitet; er ist mir ebenfalls ein kundiger Lehrer. Er schafft es immer wieder, trotz babylonischer Sprachvielfalt die Hüttengäste zu Gesprächen an einen Tisch zu versammeln oder mit gestenreich ausgemalten Geschichten zu unterhalten. So erzählt er von dem mysteriösen Fund eines Golfballes im Roten Krater. Lange habe sich niemand dessen Herkunft erklären können, bis sich schliesslich jemand an Wanderer mit Golfschlägern erinnerte. Die Lösung des Rätsels sei gewesen, dass einige Sportsleute darum gewettet hätten, wer zuerst vom Gipfel des Ngauruhoe direkt in den Roten Krater „einlochen“ würde. Ein anderer sportlicher Ehrgeiz treibe nicht nur jene Leute, welche die Tongariro-Überquerung als Jogging-Strecke nutzen, die DoC-Mitarbeiter hätten sogar ein Rugby-Spiel in der weiten Ebene des Südkraters geplant. Wer die Neuseeländer kennt, glaubt diese Geschichten gern. Tradition hingegen ist der Tongariro-Mountain-Classic-Wettkampf, der als typischer Neuseeländischer Triathlon (Radfahren, Laufen, Kayakfahren) in und um den Park herum durchgeführt wird und den Teilnehmern einiges abverlangt.

Im Heli unterwegs zur Waihohonu-Hütte, Tongariro Nationalpark, Nordinsel NeuseelandDie Begegnungen mit Megan und Paul sind nur zwei von unzähligen persönliche Kontakten, mit Wissenschaftlern, Technikern, Servicepersonal oder Einheimischen, deren heikle Aufgabe es ist, die individuellen Qualitäten der Natur zu schützen und zugleich dem Mensch eine Aktiverholung zu ermöglichen, die zugleich eine wissenschaftliche und erzieherische Aufgabe hat. Denn die Menschen suchen in ihrer Freizeit gezielt jene Gebiete, die noch kaum von seinen Aktivitäten beeinflusst sind. Doch der grösste Teil der unverbrauchten, natürlichen Landschaften verschwindet, wobei die dortigen einzigartigen Pflanzen und Tiergemeinschaften immer noch wenig erforscht sind.

Wegweiser zum Tongariro an der Old Waihohonu Hut, Tongariro Nationalpark, Nordinsel NeuseelandSeit jeher verfolgt die zuständige Parkverwaltung des Department of Conservation eine „Park für alle“-Politik. Neben den Hauptaufgaben Bewahrung und Schutz, Forschung und Überwachung ist die Nutzung durch den Tourismus ein immer wichtigeres Aufgabenfeld voller Gegensätze und Reibungspunkte. Dem flüchtig Vorbeireisenden als auch dem Extremabenteurer soll ein maßvolles Erleben und Geniessen der Natur ermöglicht werden. Dafür werden z.B. Camping- und Rastplätze angelegt, Wege eingerichtet und Hütten unterhalten. In den Besucherzentren Turangi, Ohakune und Whakapapa wird der Besucher ausführlich über Geschichte und Hintergründe der Vorgänge im Park informiert, um die Natur wie auch den Besucher vor Gefahren und Schäden zu schützen.

Bergregenwal nahe der Waihohonu Hut, Tongariro Nationalpark, Nordinsel NeuseelandKeine leichte Aufgabe, denn die engagierten Mitarbeiter stehen im Konfliktfeld der Ansprüche von Farmern, Jägern, Besuchern und Ökologen. Eingeführte Arten wie Rotwild,Wiesel und vor allem die Opossums fressen Wälder kahl oder verdrängen einheimische Vogelarten, so zum Beispiel die in Rückzugsgebieten des Parks lebenden bedrohten Arten wie dem Kiwi oder der Blauen Enten. Im Bereich der Pflanzen wird ein Feldzug gegen Heidekraut, Ginster und Pinien geführt, die endemische Gräser und Blumen verdrängen. Die  komplexen Ökosysteme der unterschiedlichen Vegetationszonen sind in dem rauhen Klima sehr fragil. Die genannten Eingriffe des Menschen in natürliche Kreisläufe sind nur mit grossem Aufwand zu korrigieren oder zu mindern. Viele Neuseeländer sind nicht sehr offen für die Gedanken der Naturschützer, doch die internationale Aufmerksamkeit, die Beliebtheit der neuseeländischen Naturschönheiten und die Einnahmen durch den Tourismus sorgen bei manchem für ein Umdenken.

Das heisse Herz Neuseelands –  mehr über den Tongariro Nationalpark:

Kapitel 1: Sonnenaufgang auf dem Ngauruhoe-Gipfel

Kapitel 2: Maoris und ihre Mythen

Kapitel 3: Spektakulärer Tongariro: das Crossing und der Northern Circuit

Kapitel 4: Oturere und Waihohonu – Ödnis und Lebensfülle

Kapitel 5: Ruapehu – Der schlafende Riese oder der Wolf im Schafspelz

Kapitel 6: Schneetanz auf dem Vulkan

Kapitel 7: Nützliche Hinweise und Maori-Ortsbezeichnungen

Alle Bilder in der Tongariro Nationalpark Galerie

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