Maoris und ihre Mythen

Kapitel 3: Geschichte voller Liebe und Leidenschaft

Verschneiter Ngauruhoe von nahe der Old Waihohonu Hut gesehen, Tongariro Nationalpark, Neuseeland

Vulkane und ihre feurigen Gewalten werden seit jeher von vielen Völkern mit Achtung und Furcht angesehen. Sie sind Teil eines lebendigen Universums, dessen unbegreiflichen, übermenschlichen Mächte mit Opfergaben zu besänftigen versucht wurde, oder  ein tapu, ein Verbot, den angemessenen Respekt verlangte. So reisten seit langer Zeit die Menschen in Ehrfurcht entlang der Berge, ohne je einen Blick auf die heiligen Gipfel zu werfen. Dort regieren die übernatürlichen Herrscher-Te Roro, Taka und Taunapiki – eine Missachtung ihres tapu brachte die Gefahr des Todes oder eines schlimmen Fluches mit sich.

Lake Taupo oberhalb Waihi, Tongariro Nationalpark, Nordinsel NeuseelandDie Maoris sind eine der vielen Kulturen, die Vulkane als heilig betrachten und in die Mitte ihrer Geschichte und des Glaubens stellen. Für die Tuwharetoa sind die Berge zum einen ihr matua und zugleich tupuna, ihre Eltern des Landes und göttliche Vorfahren, zum anderen das Zentrum ihres mana, der geistigen Kraft. „Te ha o Taku Manawa- der Atem meines Berges ist mein Herz“- zeigt neben der Hochachtung auch ein wenig Stolz, in solch enger Eintracht mit dem Land zu leben. Schöpfungs-geschichten, Mythen und Legenden sind in kunstvoll geschnitzten Tafeln der Versammlungshäuser am Nordhang des Tongariro und in Waihi, am Ufer des Taupo-Sees, für kommende Generationen niedergelegt und bleiben so lebendige Substanz der Gemeinschaft. Nach dem Kulturschock durch die europäischen Siedler, der christlichen Religion, der Einbindung in eine konsumorientierte westliche Gesellschaft und der damit verbundenen Schwächung traditioneller Vorstellungen und Werte besinnen sich viele Maoris wieder auf überlieferte Lebensweisen, Autoritäten und die kraftvolle Seele ihres Glaubens. Aber es bleibt ein schwieriger Weg!

In einer der bekanntesten Legenden, die in mehreren Variationen existiert, sind die Berge als Wesen göttlicher Abstammung, aber mit menschlichen Zügen dargestellt und erleben  Liebe und Leid, Tragik und Humor. Zugleich stellen sie eine enge verbindung mit dem Land her, indem sie dessen Charakter und Erscheinungsbild erklären.

Upper Tama Lake vor dem Vulkan Ngauruhoe, Tongariro Nationalpark, NeuseelandVor langer Zeit waren noch alle grossen Berge der Nordinsel einträchtig im Zentrum versammelt: Tongariro,westlich davon Taranaki – wo heute die runden Tama-Seen zu finden sind – ebenso Tauhara und Putauaki, letzterer Mt. Edgecumbe von uns genannt – an der Stelle des jetzigen Rotaira-Sees. Bis auf eine Ausnahme waren die Berggötter alle Männer und grosse Krieger, kraftvoll standen sie da mit schneebedeckten Gipfeln und feurigen Herzen. Nur Pihanga war eine Frau von betörender Schönheit. Dieser letzte, sanftgerundete Gipfel der Kakaramea-Bergkette war in reichgefärbte Waldgewänder eingekleidet. Sie wurde von allen anderen wegen ihrer Schönheit verehrt und zur Ehefrau begehrt. Die Berge reckten ihre Gipfel in den goldenen Himmel und schmückten sich mit Wolken, um sie für sich zu gewinnen. Die entfachte Leidenschaft führte schliesslich zu kämpferischen Auseinandersetzungen um Pihangas Gunst. Zuerst war es lange still, denn die Berge sammelten Kraft in ihren Bäuchen. Nach einigen Tagen brach mit gewaltigem Donner das Feuer hervor, und mit diesen Waffen überschütteten sie das Land mit glühenden Steinen. Die Erde bebte viele Tage unter diesem Kampf, aus dem letztlich Tongariro als Sieger hervorging. So wurde er oberster Herr des Landes und stolzer Ehemann der lieblichen Pihanga. Er erhielt das höchste  tapu; die Augen von Neugeborenen richten sich nach ihm und die Verstorbenen erschauen ihn in seiner ganzen Grösse auf ihrem Weg zum Versammlungsort der Seelen. Tongariro zwang nun seine Rivalen, fortzuziehen. So diskutierten die Unterlegenen, wohin sie aufbrechen sollten: „Pihanga gehört zu Tongariro, also sollten wir uns trennen“. Tauhara und Putauaki entschieden sich sofort, „zu der See, die zur aufgehenden Sonne schaut“ zu gehen. Während sie sich Richtung Nordosten orientierten, folgte Taranaki der Richtung des Sonnenuntergangs. So trennten sie sich, lösten ihre Wurzeln und wanderten weit hinweg. Voller Schmerz sagten sie weinend Lebewohl zu Pihanga, die nun Tongariros Frau war.

 Lake Rotoupounamu, Tongariro Nationalpark, NeuseelandDie Berge reisten die ganze Nacht hindurch. Es war eine magische Pilgerfahrt in den Stunden der Dunkelheit, die einzige Zeit, in der Zauberwesen und Berge umherziehen können. Taranaki zog schnell und verbittert nach Westen und erreicht vor Sonnenaufgang die Küste. Dort steht er majestätisch und blickt oft zurück zu seiner Verehrten. Hüllt sich sein Gipfel in Wolken und fallen Regentropfen, so seien dies die Tränen eines Liebenden. Putauaki und Tauhara zogen gleichzeitig nach Nordosten, dem Morgenrot entgegen. Am Südende der Kaingaroa-Ebene, nach 160 Km Wanderung, kam Putauaki zur Ruhe und ist heute ein heiliger Berg der Ngati-Awas. Tauhara war der langsamste der unterlegenen Werber. Er zog zögerlich von dannen und blieb viele Male stehen, um sich nach seiner verlorenen Liebe umzuschauen. So schaffte er es bis Sonnenaufgang nur auf die andere Seite des Taupo-Sees, über den er für immer sehnsuchtsvoll auf die reizende Pihanga blickt. Die alten Standorte der Berge markieren heute einige Seen. Auf ihren Wegen hinterliessen die Berge ebenfalls markante Spuren. So schürfte Taranaki eine tiefe Wunde in die Landschaft, die heute der Whanganui-Fluss füllt.

Während sich diese Geschichte in meinem Kopf abspielt, gewinnt die Landschaft vor meinem Auge an Lebendigkeit und ich fühle die sehnsüchtigen Blicke der Hauptdarsteller aus der Ferne. Inzwischen spannt sich ein blauer Himmel über die Nordinsel und die strahlende Sonne vertreibt den letzten Gedanken an den frostigen Morgen. Doch die folgende Legende weiß von anderen Verhältnissen zu berichten, als sich vor langer Zeit auf diesem Gipfel ein dramatischer Überlebenskampf abgespielt hat.

Ketetahi Springs nahe der Ketetahi HUt, Tongariro Nationalpark, NeuseelandNach der langen Reise von der ursprünglichen Heimat Hawaiiki, der Inselwelt in der Südsee, landetet  der Hohepriester Ngatoro-i-rangi mit dem Arawa-Kanu in der Bay of Plenty. Alsbald begann er mit der Erforschung und Besitznahme des Landesinneren für seinen Stamm und kam zusammen mit der Sklavin Ngauruhoe nach Süden zu den Vulkanen. Er bestieg Mt. Tauhara am Taupo-See, von dessen Gipfel er seinen Speer in den See schleuderte. Dieser verwandelte sich in den Stamm eines grossen Totara-Baums, der viele Generationen überlebte. Auf seinem weiteren Weg sah er den Schnee auf den Gipfeln des Tongariro funkeln und spürte das Verlangen, aufzusteigen, um das für einen Südseebewohner unbekannte Phänomen genauer zu betrachten und die heiligen Rituale für die Besitznahme durchzuführen. Während des Aufstiegs behinderte sie zuerst Wind und Regen, die bald in einen wütenden Schneesturm übergingen. Sie gaben nicht auf und erreichten den höchsten Gipfel, doch die eisige Kälte lähmte bereits ihre Glieder und der Erfrierungstod war nahe. In seiner Verzweiflung rief Ngatoro-i-rangi mit all seinen zur Verfügung stehenden Kräften seine priesterlichen Schwestern zu Hilfe, damit sie ihnen lebensrettendes Feuer schicken würden. Diese hörten im fernen Hawaiiki den Hilfeschrei und sandten sofort Hilfe. Der Vulkan auf White Island, heisse Quellen um Rotorua, Waiotapu, Taupo und Tokaanu sind sichtbare Zeichen des Weges, auf dem das Feuer sich den Hilfesuchenden näherte. Schliesslich brach es am Gipfel hervor und rettete Ngatoro-i-rangi das Leben, doch für seine Sklavin Ngauruhoe kam alle Hilfe zu spät. Er nahm ihren Körper und warf ihn in den Krater, der ihr feuriges Grab wurde und seither ihren Namen trägt.

Die letzte Geschichte, die sich viele Generationen später in der Linie von Ngatoro-i-rangi zutrug, illustriert die Weitergabe des hau, der Essenz der Wahrheit, die Seele des Wissens aller spirituellen Macht, vom einem Sterbenden zu einem ausgewählten Nachfolger.

Im hübschen Ort Waihi an den Ufern des Taupo-Sees lebte der höchste Priester Tai-Pahau im hohen Alter von wahrscheinlich 100 Jahren. Er war zugleich der Onkel des Stammesführers Te Heuheu Tukino. Diesar war in der Blüte seines Lebens, ein kraftvoller und tapferer Krieger. Für Tai-Pahau kam bald die Zeit zu sterben, und so legte er sich in sein Haus, umsorgt von der jüngsten seiner Töchter.

Maori SchnitzereiTe Heuheu hingegen befand sich auf einem Kriegszug gegen die Stämme des unteren Whanganui und der Westküste. Er war aber erst bis Poutu am Ufer des Rotaira-Sees gekommen, ungefähr zwölf Meilen von Waihi entfernt, und hatte sein Vorhaben ohne Ahnung vom nahen Ende seines Onkels begonnen. Als er nun dort campierte, fühlte der alte Mann sein nahes Ende und wusste, dass er keinen Sonnenaufgang mehr erleben würde. So liess er einen Botschafter aussenden, um seinen Enkel eiligst von den anderen Kriegern zurückzurufen: „Sagt ihm, ich stehe kurz vor dem Tod. Er wird wissen, was ich von ihm möchte.“ So verliess der Botschafter in grösster Eile das Dorf. Die Nacht war schon angebrochen und der Läufer würde das Camp von Te Heuheu erste spät erreichen, letzterer würde wiederum nicht vor Mitternacht in das heimatliche Dorf zurückkeheren.

Der sterbende Tai-Pahau wartete indes geduldig und würde intuitiv wissen, wenn sein Neffe ankomme. Er bat, ihn aufzurichten: „Drehe mich, so dass meine rechte Seite zur Tür zeigt.“ So sass er an der Tür, wie ein Zuhörer. Einige Augenblicke später verdunkelte eine Gestalt den eingang und trat schnell ein. Es war Te Heuheu. Im Lichte des kleinen Feuers, das in der Mitte des Hauses brannte, betrachtete er seinen Onkel und wusste sofort, warum er nach ihmgasandt hatte. Ohne ein Wort beugte er sich zu des Priesters Seite, öffnete seinen eigenen Mund und presste ihn fest über dessen rechtes Ohr. Der alte Mann gab zuckend drei heftig ausgestossenen Laute von sich, als sein Geist den Körper verliess. Te Heuheu lockerte die Umklammerung der Zähne um das Ohr und mit gemurmelten Worten der Trennung presste er seine Nase auf die des Verstorbenen als Zeichen des Abschieds. Durch dieses Ritual des ngau-taringa, des „Beissen des Ohres“, gingen die übernatürlichen Kräfte und heilige Weisheit auf seine Person über.

Te Heuheu verweilte keinen weiteren Augenblick im Haus des Toten und kehrte zu seinen Kriegern in Poutu zurück. Vor Sonnenaufgang erreichte er die Gefährten, die seine Abwesenheit nicht bemerkt hatten. Der Geist des Großvaters wurde Te Heuheus Führer und Beschützer. Auf ihrem weiteren Kriegszug sah er jede Bedrohung stärkerer Feinde voraus, und er umging unter dem Rat des wairua jede Gefahr und Niederlage.

Visitor center in Whakapapa, Tongariro Nationalpark NeuseelandZwei Generationen später war es ein weiterer Häuptling aus dieser Familie, Te Heuheu Tukino IV, der mit einer weitsichtigen und klugen Entscheidung die weitere Zukunft seiner heiligen Berge bestimmte. Bis Mitte des letzten Jahrhunderts drängten die neuen Einwanderer aus Europa nicht nur auf die Besteigung der Berge, sondern beanspruchten immer grössere Flächen für die Kolonisation. So sah der Häuptling die Gefahr, dass seine Vorfahren, sein spirituelles Zentrum, wie schon andere Gebiete zuvor an die Pakeha falle und aufgeteilt werde. Um dieser Entweihung zuvorzukommen, beriet er sich mit allen anderen Stammeshäuptlingen und überredete sie zu folgendem Entschluss: die Berggipfel sollen der neuseeländischen Regierung und somit allen Bürgern des Landes mit der Auflage geschenkt werden, einen Nationalpark daraus zu schaffen. Somit wäre jenes Land vor Verkauf bewahrt und unter dem Schutz der höchsten Instanzen des Landes von allen Menschen zu respektieren und zu erhalten. Durch dieses Geschenk entstand 1887 der erste Nationalpark Neuseelands, der vierte weltweit nach den Anfängen des Nationalparkgedankens in Yellowstone, USA. Aus dem kleinen Kern der Gipfel von Ruapehu, Ngauruhoe und Tongariro erwuchs bis heute eine Fläche von 76000 Hektar. Eine besondere Ehrung erfuhr der Park mit der Anerkennung als Weltkulturerbe durch die UNESCO in zwei Kategorien als kulturhistorisch bedeutendes Monument und einzigartige Naturlandschaft.

Das heisse Herz Neuseelands –  mehr über den Tongariro Nationalpark:

Kapitel 1: Sonnenaufgang auf dem Ngauruhoe-Gipfel

Kapitel 2: Maoris und ihre Mythen

Kapitel 3: Spektakulärer Tongariro: das Crossing und der Northern Circuit

Kapitel 4: Oturere und Waihohonu – Ödnis und Lebensfülle

Kapitel 5: Ruapehu – Der schlafende Riese oder der Wolf im Schafspelz

Kapitel 6: Schneetanz auf dem Vulkan

Kapitel 7: Nützliche Hinweise und Maori-Ortsbezeichnungen

Alle Bilder in der Tongariro Nationalpark Galerie

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  1. […] begehrten sie zur Frau. Folglich entbrannte ein heftiger Kampf um ihre Gunst. Letztlich besiegte Tongariro seine Rivalen und drängte sie zum Verlassen des Ortes. Taranaki wanderte nach Westen zur See. In […]

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